August 2020

Boléro   —————   oréloB

Als Maurice Ravel 1928 seinen berühmten Boléro schrieb konnte er nicht ahnen, welche Herausforderung sein rund 17 Minuten langes Orchesterstück für die Schallplattenaufnahmen heutiger Zeit mit dem Anspruch allerhöchster Wiedergabequalität einmal darstellen würde. Seinerzeit war die Schellackplatte der aktuelle Tonträger. Man war glücklich, überhaupt Musik so oft wie man wollte abspielen zu können. Für eine Schellackplatte war der Boléro jedoch zu lang. Also verteilte man ihn auf mehrere Seiten mehrerer Platten – eine unbefriedigende Tatsache, die den Hörgenuss dieses äußerst dynamischen Werkes am heimischen Grammophon mehrfach unterbrach.
Mit der Einführung der Langspielplatte in den 1950er Jahren schien das Problem gelöst zu sein: selbst 20 Minuten und mehr auf einer Plattenseite unterzubringen war plötzlich kein Problem mehr. Und doch rückt in der heutigen Zeit höchster Ansprüche an die Wiedergabequalität eine ganz andere Eigenschaft dieses Orchesterstücks in den Vordergrund: die extreme Dynamik.

Rein technisch gilt: je lauter die Musik ist, umso mehr Schallplattenrille benötigt sie, wenn sie denn wohlklingend aufgenommen werden soll. Der Plattenteller dreht sich mit konsatanter Geschwindigkeit. Somit stehen im Außenbereich pro Umdrehung rund 88 Zentimeter Rille zur Verfügung, während es innen mit 44 Zentimetern dann nur noch die Hälfte ist. Also könnte am Beginn einer Platte richtig gut sehr laute Musik aufgenommen werden, gegen Ende mit gleicher Qualität nur noch Leises. Beim Boléro verhält es sich jedoch exakt umgekehrt: sehr sehr leise beginnend zieht ein ständiges Crescendo durch dieses Werk, welches dann in einem fulminanten Fortissimo mit einem Paukenschlag endet.
So kam ein kluger Kopf auf die Idee, den Boléro einmal anders in die Platte zu pressen, nämlich in eine Rille, die von innen nach außen läuft. Daher dann auch der Titel: „oreloB – play backwards“

 

Grundsätzlich spricht nichts gegen diese Aufnahmetechnik außer unsere eingefahrene Gewohnheit. Es ist schon ein ganz merkwürdiges Gefühl, den Tonarm innen aufzusetzen und anschließend zu beobachten, wie dieser sich langsam aber sicher nach außen bewegt. Und auch automatische Plattenspieler, die den Außenbereich einer Platte als Startposition kennen, beißen sich am „oréloB“ die Zähne aus. Jedoch ist auch bei den Automaten in aller Regel eine manuelle Bedienung möglich.

Der Musikgenuß gibt in diesem Falle der Aufnahmetechnik absolut recht. Sehr gerne führen wir Ihnen dies in unserem Museum einmal vor.

(tp)