August 2021

Posten Anno Dunnemals

Als Anfang der 1950er Jahre die 7-Zoll-Singles als Ersatz für die zerbrechlichen 78er Schellacks auf den Markt kamen, wurden plötzlich auch die sogenannten „Tönenden Postkarten“, die es bereits schon einmal in den 1920er Jahren gab, wieder modern: eine Kombination aus Bild und Ton im Format 15 x 20 cm mit einem Loch für die Plattentellerachse in der Mitte. Auf der laminierten Bildseite ist die Rille eingeprägt genau wie bei der schwarzen 17-cm-Scheibe. Die Rückseite war dem geschriebenen Gruß, der Empfängeradresse und dem Postwertzeichen vorbehalten.

Das übergroße Postkartenformat war notwendig, um die automatische Endabschaltung, mit der nahezu alle Plattenspieler damaliger Zeit ausgestattet waren, nicht vor dem Rillenende ansprechen zu lassen.

Die Beförderung solch großer Karten ließ sich die Deutsche Bundespost mit einem satten Portoaufschlag in Höhe von 100 % vergüten: hier klebte dann eine rote Zwanziger anstatt der grünen Theodor-Heuss-10-Pfennig-Marke.

Abgespielt mit der für Singles üblichen 45er-Geschwindigkeit boten diese kunststoffbeschichteten Pappen eine erstaunlich gute Tonqualität. Wir führen Ihnen dies gerne einmal im Museum vor.

Kartenmotiv „Gruss aus Kiel“ mit Billy Vaughn´s Erfolgstitel
„Sail Along Silvery Moon“ aus dem Jahr 1958

Auch in der damaligen DDR wuchs das Interesse an diesen Medien, allerdings gelang es dem VEB Schallplatte nicht, solche zu produzieren. So wurde anläßlich des 10. Jahrestages der Gründung der DDR kurzerhand das sozialistische Bruderland Volksrepublik Ungarn mit der Produktion beauftragt. Die Budapester Schallplattenfabrik lieferte also farbig gedruckte Schallplattenkarten der Marke COLORVOX an den Arbeiter- und Bauernstaat, welche nicht wie die Westlichen, versehen mit Text, Adresse und Briefmarke quasi „nackt“ der Deutschen Bundespost zur Zustellung an den Empfänger übergeben, sondern zusammen mit einem Versandumschlag mit dem Aufdruck NICHT KNIFFEN für 2 Ostmark verkauft wurden – dies vermutlich weniger aus Datenschutzgründen sondern eher zum Schutz des empfindlichen Tonträgers.

Heute wird das Schreiben von Ansichtskarten mehr und mehr zur Seltenheit, und solche mit integrierter Tonrille werden schon lange nicht mehr hergestellt. Viel beliebter sind heutzutage Grüße in Bild und Ton über die nicht immer ganz so sozialen Netzwerke wie WhatsApp, Facebook & Konsorten, die sehr gerne ganz nebenbei die mitversandten Metadaten zur Gewinnmaximierung nutzen.

Und somit war das „Posten (so nennt man ja heute neudeutsch das Versenden von Informationen via Mobilfunk und Internet) Anno Dunnemals“ viel ehrlicher als heutzutage, wo wesentlich mehr private Daten als einem lieb ist dem World Wide Web zu welchem Zweck auch immer preisgegeben werden.

(tp)