März 2020

Die Abhörerin

„Hat die Dame seinerzeit für die Stasi gearbeitet?“
fragte mich einmal scherzhaft ein Besucher unseres Museums beim Anblick unserer Puppe mit dem Kopfhörer.
Nein, die sogenannte Abhörerei war Teil der Qualitätssicherung der Nortorfer Schallplattenproduktion.
Jede zweihundertste Schallplatte einer jeden Plattenpresse wurde dort auf Fehlerfreiheit untersucht.
So wie auf dem schwarz-weiß-Foto von 1956 im Hintergrund zu sehen saßen Mitarbeiterinnen der TELDEC
an einer langen Tischreihe jeweils vor einem Telefunken-Plattenspieler TW 560.
Die Aufgabe der Damen: die akustische Makellosigkeit der frisch produzierten Schallplatten zu gewährleisten.
Nun mag man meinen, es gäbe kaum einen begehrenswerteren Job
als den ganzen Tag fürs Musikhören bezahlt zu werden.
So dachte ich jedenfalls vor vielen Jahren als junger Kieler Gymnasiast,
der mit seiner Klasse die TELDEC-Fabrik in Nortorf besichtigen durfte.
Weit gefehlt, das war ganz sicher harte Arbeit,
manchmal vielleicht sogar härter als die Tätigkeit der Staatssicherheits-Spitzel in der DDR.
Stellen Sie sich vor, Sie sind Stones-Fan und sollen den ganzen Tag lang die Fehlerfreiheit
der neuen Wagner-Aufnahme „Tristan und Isolde“ gewährleisten – oder umgekehrt.
Aber ich denke, die Damen dort hatten eine Mitsprachemöglichkeit bei der Verteilung
der zu testenden Aufnahmen entsprechend ihrer musikalischen Vorlieben.
Wurde eine Abhörerin fündig, so wurde die entsprechende Presse gestoppt, bis der Fehler erkannt und behoben war. Dies sehr zum Unmut des Plattenpressers, denn er wurde nach Umsatz bezahlt.
Und so kam es durchaus vor, dass eine ganze Reihe neuer Platten zu Ausschuß erklärt werden musste.
Das bedeutete: die bunten Mitten rausstanzen (die wurden dann gerne als kultiger Glasuntersetzer genutzt),
das übrige Schwarze recyclen und dann das Ganze noch einmal neu pressen.

 


Im Laufe der Jahre machte auch hier der technische Fortschritt nicht halt.
Es wurden sogenannte Abhörautomaten entwickelt, welche selbständig Pressfehler erkannten.
In der Folge wurden dadurch natürlich Arbeitsplätze wegrationalisiert.
Und auch der alte Telefunken TW 560 wurde durch modernere Geräte ersetzt.
In den 1980er Jahren standen hier beispielsweise dicht aneinandergereiht
REVOX B 790 Plattenspieler mit Tangentialtonarm und Subchchassis,
welche die Herzen eines jeden HiFi-Begeisterten hätten höher schlagen lassen.
Solch einen REVOX B 790 – ein Originalgerät aus der Abhörerei – finden Sie betriebsbereit in unserem Museum. Besuchen Sie und doch dort einmal, sonntags zwischen 14 und 17 Uhr.
Oder vereinbaren Sie eine Termin für eine Gruppenführungen.

(tp)