Mai 2021

Das Ende der Schallplatte?   –   denkste!

oder: The rise and fall of the CD

Als vor vierzig Jahren, am 15. April 1981 auf einer Pressekonferenz in Salzburg die „Compact Disc Digital Audio“ – kurz CD – der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, schien es, als würde mit diesem Medium das Ende der Vinylschallplatte eingeläutet werden. Mit der Entwicklung von PHILIPS und SONY in Form einer 12 cm großen Kunststoffscheibe (sie sollte in die Tasche eines handelsüblichen Jacketts passen) und mit einer Laufzeit von 74 Minuten (Beethovens Neunte sollte vollständig darauf Platz finden) wollte man die Musikwelt revolutionieren: kristallklarer Klang, kein Knistern und Knacksen wie man es von weniger gepflegten Schallplatten kannte sowie mechanische Unempfindlichkeit und ewige Haltbarkeit durch kontaktlose Laserabtastung.

Bemerkenswert ist der englische Text auf der Rückseite der Jewel-Cases vieler Produktionen der 1980er-Jahre, frei übersetzt etwa: „Die Musik auf dieser CD wurde mit analogen Geräten aufgenommen. Wir haben so gut es geht versucht, den Sound der Originalaufnahme zu bewahren. Die hohe Auflösung der CD lässt jedoch die Grenzen des Analogbandes erkennen.“ In dieser Aussage schwingt der Stolz auf das damals noch junge Speichermedium mit, die Digitaltechnik entschuldigt sich fast dafür, die Grenzen der analogen Aufzeichnung preiszugeben.

Im August 1982 kam als erste CD „The Visitors“ von der schwedischen Popgruppe ABBA in den Handel, ebenso die ersten CD-Player. Der Preis von damals 30 bis 45 DM für eine CD und 2.000 DM für ein Abspielgerät bescherte dem neuen Medium einen schlechten Start: im ersten Jahr wurden lediglich 900.000 CDs verkauft gegenüber 77 Millionen Langspielplatten im selben Zeitraum. Erst in den 1990er Jahren kippte das Verhältnis mit fallenden Preisen für Hard- und Software zugunsten der CD.

Auch bei der TELDEC begann man neben der üblichen Vinylproduktion mit der Herstellung von CDs. Am 21. Oktober 1986 um 16:24 Uhr wurde in Nortorf die erste CD gepresst: „Träumereien“ von Richard Clayderman. Gut 4 Monate später folgte dann als 100.000ste die „Platinum Collection Vol. 2“ von Joe Cocker.

21.10.1986 – 16:24 Uhr: die erste in Nortorf gefertigte Compact Disc läuft vom Band

Parallel zur Entwicklung des datenreduzierten mp3-Formats, der Verlagerung konservierter Musik auf portable Audioplayer und Smartphones sowie der Möglichkeit des legalen Downloads bei Streamingdiensten wie Spotify oder Qobuz erlebt die gute alte Vinylschallplatte seit Beginn dieses Jahrtausends eine unerwartete und andauernde Renaissance, während die CD inzwischen immer mehr zur aussterbenden Species wird. Nicht nur audiophile Musikfreunde finden aus vielerlei Gründen zurück zum Vinyl, erstaunlicherweise entdecken auch junge Leute das analoge Medium für sich. Die produzierten Vinyl-Stückzahlen befinden sich seit 2010 wieder im Aufwind, dies mit stetig steigender Tendenz. Und im Jahr 2017 wurden in den USA mit einer Anzahl von 3,3 Millionen erstmals wieder mehr Schallplatten als Downloads verkauft (Quelle: Recording Industry Association of America (RIAA)).

Im allgemeinen Streben nach Prozessoptimierung um die letzte Jahrhundertwende hatten digitale Medien wie die knister- und knackserfreie CD Hochkonjunktur. Allerdings waren die mit aufwendigen Algorithmen errechneten Binärcodes, gespeichert in Pits und Lands auf Polycarbonatscheiben lediglich mehr oder weniger perfekte digitale Replikate, jedoch niemals das Original. Und genau deswegen kehrt sich dieser Trend wieder um zum Echten, Originalen, Lebendigen und weg vom Massenangebot digitalen Fastfoods. Treffend auf den Punkt bringt es ein Artikel im Qiio-Magazin vom 23. April 2019: „Lieber lebendiges Knistern als tote Perfektion“.

Auch die anfangs prophezeite ewige Haltbarkeit der CD ist inzwischen längst widerlegt. Experten sprechen heute von einem übersichtlichen Zeitraum von 20 bis 80 Jahren für die mittlere Lebensdauer einer CD. Bei selbstgebrannten oder technisch schlecht produzierten CDs kann der Verfall auch deutlich früher einsetzen.

Unter diesem Aspekt war es gut und richtig, dass man 1977 die „Voyager Golden Records“ als Botschaft an Außerirdische in Form von goldenen Analogschallplatten an Bord der interstellaren Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 angebracht hat. Mit einer geschätzten Lebensdauer von 500 Millionen Jahren sollen die Platten Zeugnis darüber ablegen, dass es Menschen gegeben hat. 

(tp)