Juni 2021

Kein Walkman ohne Lou Ottens

Die 1950er Jahre. Magnetbandgeräte mit offenen Spulen waren bereits technisch recht hoch entwickelt, die meisten allerdings noch sehr schwer und voluminös, für den Privatgebrauch verhältnismäßig teuer und häufig nicht ganz einfach zu bedienen. Auch wenn sich inzwischen Röhrengeräte wie das erfolgreiche GRUNDIG TK-5 (TK steht übrigens für „Tonbandkoffer“) zum damaligen Preis von 485 DM für betuchtere Privatanwender etabliert hatte, suchte man nach Möglichkeiten, die Magnetbandtechnik zur Aufzeichnung und Wiedergabe akustischer Ereignisse einem noch breiteren Interessentenkreis zugänglich zu machen, sei es zur Vertonung eigener Diashows oder Schmalfilme, zur Dokumentation der Sprachentwicklung der Sprösslinge oder einfach zwecks Zusammenstellung eines individuellen Musikprogramms aus Rundfunkaufnahmen oder von Schallplattenüberspielung zum privaten Gebrauch.

Man dachte also vielerorts über eine Miniaturisierung der großen Tonbandspulen hin zur Kassettenform nach. Erste amerikanische Entwürfe der Firma RCA in 1958 konnten sich nicht durchsetzen, viele andere Versuche aus dieser Zeit kamen gar nicht erst in die Nähe einer Marktreife. Ein Team um den niederländischen Ingenieur und Erfinder Lou Ottens erarbeitete ab 1960 im neu erbauten PHILIPS-Werk im belgischen Hasselt von der Konkurrenz relativ unbemerkt ein Speichermedium, das später als „Kompaktkassette“ die Welt erobern sollte.

Parallel dazu entwickelten in Wien GRUNDIG und PHILIPS gemeinsam ein komplett anders aufgebautes Kassettensystem. Dieses konnte sich jedoch nicht durchsetzen, zumal die Entwicklungsarbeit des belgischen Teams um Lou Ottens schon sehr weit erfolgreich vorangeschritten war. Wenig begeistert von dieser Tatsache brach GRUNDIG die weitere Zusammenarbeit mit PHILIPS ab, brachte kurzerhand eine eigene Entwicklung auf den Markt – und scheiterte. Die „DC-International“ genannte Kassette, welche der Kompaktkassette auf den ersten Blick sehr ähnlich sah, wurde bereits 2 Jahre nach ihrer Einführung wieder vom Markt genommen.

Im August 1963 stellte PHILIPS sein Produkt zusammen mit einem passenden Kassettenrecorder auf der Berliner Funkausstellung vor: rund 90 m Magnetband, 0,15 Zoll breit, eingebettet in ein sensationell kleines Kunststoffgehäuse, beidseitig abspielbar mit einer Bandgeschwindigkeit von 4,75 cm/sec. Die erste PHILIPS C-60 Kompaktkassette mit einer Stunde Spielzeit war geboren.

vorgestellt auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin im August 1963:
die C-60 Kompaktkassette und der Recorder 3300 von PHILIPS

Das neue Medium fand nicht nur großen Anklang in Europa, auch in Asien wuchs das Interesse explosionsartig. Plagiate schossen dort wie Pilze aus dem Boden. Um den standardlosen Wildwuchs im Keim zu ersticken holte sich Ottens mit der Firma SONY einen fernöstlichen Giganten der Unterhaltungselektronik mit ins PHILIPS-Boot und übertrug ihm die Lizenzen an der Musicassette, wie sie umgangssprachlich auch genannt wurde.

Die nun sich anschließende Erfolgsgeschichte ist hinlänglich bekannt. Es wurden technisch immer ausgereiftere Geräte angeboten, die MC erhielt ihren festen Platz in fast jedem HiFi-Turm. Spulentonbandgeräte verschwanden nach und nach vom Markt. Auch für die anspruchsvollen HiFi-Freunde etablierten sich die angebotenen Stereo-Cassettendecks trotz des schmalen Bandes und der geringen Bandgeschwindigkeit. Dank DOLBY-NoiseReduction, Chromdioxid- und Metal-Cassetten, individueller Bandeinmessung und verfeinerter Elektronik bot dieses Medium in den folgenden Jahrzehnten einen sensationellen Klang. Und eine Autoreverse-Funktion sorgte für noch mehr Komfort. Allerdings waren diese Geräte dann auch deutlich teurer als 298 DM, das war nämlich der Preis für den ersten auf der Funkausstellung 1963 vorgestellte PHILIPS 3300.

Auch im Auto hielt die Musicassette bald Einzug und wurde dort auf eine harte thermische Probe gestellt. Billigbänder starben häufig den Hitzetod, die dünnen 120er-Kassetten waren auch nicht wirklich autobahntauglich. Nahezu jeder MC-Freund hatte damals einen Bleistift im Handschuhfach, um den nicht selten entstandenen Bandsalat damit händisch wieder aufzuwickeln.

Und die Kassette brachte noch mehr Freiheiten: unsere Musik für unterwegs, beim Sport, auf dem Weg zur Arbeit, im Bus, im Urlaub…

Ein Meilenstein war da SONY´s berühmter Walkman aus der DD-Serie: edles Metallgehäuse und feinste Technik, die den Bandgleichlauf sogar in der Hand des Freizeitsportlers gewährleistete – Kein Jaulen beim Joggen!

Im März diesen Jahres ist Lou Ottens verstorben. Er wurde 94 Jahre alt. Seine Erfindung hat viele von uns über Jahre, vielleicht Jahrzehnte geprägt. Auch der Autor dieser Zeilen hat oft Zusammenstellungen seiner Lieblingstitel von Schallplatten erstellt und die Kassettenhülle entsprechend künstlerisch verfeinert. Konstantin Wecker für die Freundin, Glenn Miller für den Vater oder die von NDR-4 aufgenommenen Samstagskrimis als Einfach-nur-mal-so-Mitbringsel auf Kassette.

Als bekennender Tonbandfreund, der diese Medien auch heute noch gerne nutzt, stelle ich fest, dass bei aller Anerkennung der Digitaltechnik im Audiobereich ein ganz entscheidender Punkt irgendwo auf der Strecke geblieben ist, nämlich der Musikgenuss in Echtzeit. Lieber einfach mal in Ruhe und bewusst zuhören anstatt sich eine CD in 64facher Geschwindigkeit zu kopieren. Klasse statt Masse. Deep Listening. Dies alles ist um Längen schöner als immer mehr gestreamtes und nebenbei gehörtes mp3-fastfood.

Probieren Sie es aus, gerne bei uns im Museum. Wir zeigen Ihnen hier die Philips-Ur-Musicassette, die erfolglosen Grundig DC-Cassetten inklusiv der Abspielgeräte, diverse SONY-Walkman und solche anderer Hersteller, weitere Bandformate und und und – wir können nicht nur Schallplatte!

Lediglich den „Nakamichi 1000 ZXL Limited“ haben wir nicht in der Sammlung. Ein solches Gerät wurde vor rund 40 Jahren auf Bestellung gefertigt. Damaliger Preis: 17.000 DM, das wären inflationsbereinigt heute rund 20.000 Euro. So etwas sein Eigen zu nennen wäre zwar nett, muss jedoch nicht sein. Allerdings beschreibt der Werbeslogan eines Automobilherstellers punktgenau das Funkeln in meinen Augen beim Anblick solcher Geräte: „Technik, die begeistert!“

(tp)