Januar 2022

Exponat des Monates

Hans Theessink / „Slow Train“

...let me ride, ride on the slow train...

Aufmerksam auf diese Platte wurde ich durch meinen Freund Bernd, der mir die LP „Slow Train“ mit den Worten „die wird dir ganz sicher gefallen…“ empfohlen hat. Neugierig geworden ging ich auf die Suche nach dem Vinyl und wurde auf der Homepage des Künstlers fündig (einfach mal „Hans Theessink“ googeln).

Und Bernd hatte recht: Gänsehaut bereits bei den ersten Tönen. Das mit druckvollem Bass beginnende Titelstück dieser audiophilen Aufnahme – produziert übrigens im 1981 von der TELDEC entwickelten DMM-Verfahren – ist ein Hochgenuß in Klang und Musik!

Knackige Bassdrum gefolgt von einem abgrundtiefen Kontrabass, dann Theessinks unvergleichlich sonore, warme Stimme, sich selbst auf der Gitarre begleitend, Chor, Bluesharp und Orgel. Der stimulierende groove dieses Musikstücks lässt Vorfreude auf die nächsten Titel aufkommen, und das zu Recht.

Nach „Katrina“, einem Südstaaten-Folksong mit Fingerpicking Guitar – dieser Song nimmt Bezug auf den katastrophalen Hurrikan in den USA im Jahr 2005 – folgt eine melodiös-schöne aber ernsthafte Kritik am Verhalten der Menschheit, sogleich gefolgt von dem Vorwurf der Korruption und der Ungerechtigkeit des Diktators Robert Mugabe in den 1980ern in Simbabwe, zu einer Zeit also, zu der im südlichen Nachbarland der Ruf nach dem Ende der Apartheid immer lauter wurde. Mit seinem afrikanisch angehauchten Charakter erinnert mich dieser Titel spontan an Ladysmith Black Mambazo, einem Chor aus dem südafrikanischen KwaZulu-Natal, mit dem Paul Simon 1986 sein Album „Graceland“ aufnahm. Auf „Slow Train“ jedoch handelt es sich um lediglich drei begnadete afrikanische Sänger aus Simbabwe, die mindestens ebenso stimmgewaltig sind wie der gesamte Chor auf Simons „Graceland“.

Mit einer melodiösen Liebeserklärung an seine Liebste in Form eines swingenden Blues beendet Hans Theessink zusammen mit seinen Musikern die erste Seite dieser überaus beeindruckenden Schallplatte.

Ich will jetzt gar nicht versuchen, alle Titel dieser LP zu kommentieren. Aber ich möchte neugierig machen, neugierig auf diesen vielseitigen Ausnahmekünstler und auf diese großartige Schallplatte. Wer also ist denn dieser Hans Theessink? Warum habe ich nicht schon viel früher von ihm gehört?

Also bei Wikipedia nachgeschlagen: „Hans Theessink, Jahrgang 1948, ist ein niederländischer Blues-Gitarrist, Sänger und Songschreiber, der seit 1982 in Wien lebt. Er interpretiert sowohl klassische Blues- und Folksongs als auch eigene Kompositionen…“

Schon wenn man nur diese LP gehört hat, dann weiß man, da ist noch viel mehr als nur Folk und Blues. Man ahnt es erst recht dann, wenn man weitere LPs/CDs von ihm kennt. Erwähnt seien an dieser Stelle zwei meiner Lieblingstitel: „Storm Warning“ und der Willie-Dixon-Klassiker „29 Ways“ in Theessinks Interpretation, beide zu finden auf seiner 1997er CD „Journey On“. Theessinks musikalisches Spektrum umfasst über Folk und Blues hinaus Soul, Gospel, New-Orleans-Jazz, Cajun, Country, afrikanische Elemente und einiges mehr. Noch vielseitiger wird es im Zusammenspiel mit befreundeten Künstlern. Seinen neuesten Tonträger „Pay Day“ hat Theessink 2021 zusammen mit Big Daddy Wilson eingespielt.

„Slow Train“ wurde im September 2006 wie alle seine Einspielungen rein akustisch, ohne elektronischen Schnickschnack, ohne digitale Effekte und ungefiltert aufgenommen, aber mit professioneller Technik und mit viel High-End-Herzblut. Also quasi „unplugged“ im Sinne der MTV-Konzertreihe (wenn man einmal vom Netzstecker des Wurlitzer-Pianos absieht).

Der letzte track der Platte: ein Blues zum Mitgrooven. Am liebsten möchte man jetzt selbst zur Gitarre greifen oder an der Hammondorgel mitjammen, when Luther played the blues.

Wer Musik im Stil von beispielsweise J.J. Cale oder Keb´Mo´ mag, der wird an den Platten von Hans Theessink nicht vorbeikommen. Dieses audiophile Vinyl eignet sich gleichermaßen sowohl für Musikliebhaber als auch für High-End-Hörsessions.

Eigentlich möchte man überhaupt nicht wieder aussteigen aus diesem Zug, der uns musikalisch vom Mississippi-Delta bis zu seiner Endstation irgendwo im südlichen Afrika bringt und dabei gar nicht langsam genug fahren kann.

…Let me ride, ride on the slow train. Carry me home, carry me home…                                                 (tp)

                                                              

Steckbrief des Tonträgers:

Hans Theessink/ „Slow Train

Genre:                        Acoustic Folk Blues
Label:                         BLUE GROOVE
Erscheinungsahr:       2007
Tonträger:                  LP, 180 g, DMM
Laufzeit:                     43:57
Herstellungsland:      Österreich

 

A1   Slow Train
A2   Katrina
A3   God created the world
A4   Thula Mama – Oh mother don´t you weep
A5   Love you baby

B1   Old man trouble
B2   Leaving at daybreak
B3   May the road
B4   Run on for a long time
B5   When Luther played the blues