März 2021

„Nur Parlographen? Ja kauft denn das jemand?“

Diese Frage stammt nicht – wie man meinen könnte – aus dem Mund eines enttäuschten Kunden in einem Berliner Verkaufssalon für Phonographen und Grammophone des beginnenden 20. Jahrhunderts. Derjenige, der hier seine Verwunderung über die neue technische Errungenschaft eines Gerätes zur Tonaufzeichnung äußert, ist kein geringerer als der Schriftsteller Franz Kafka.

Kafka hat 1912 in Prag die 24-jährige Felice Bauer kennengelernt und sich in sie verliebt. Davon zeugen die in den folgenden fünf Jahren insgesamt rund 500 Briefe Kafkas an seine spätere Verlobte. Felice Bauer ist 1912 bereits leitende Angestellte in der Berliner Fabrik des Schweden Carl Lindström, in der Sprech- und Musikapparate, bekannt als Parlographen, hergestellt werden.

Aus der LINDSTRÖM AG ging später durch Zukäufe und Zusammenlegungen, insbesondere mit der Firma ELECTROLA, einer der erfolreichsten Musikkonzerne der Welt, die EMI mit Sitz in England hervor.

Doch zurück zu Kafkas Frage in einem seiner ersten Briefe an Felice, die seine Ungläubigkeit ausdrückt, dass für die als technische Neuerung und als Diktiergeräte angebotenen Parlographen ein Bedarf vorhanden sei. Diese Ungläubigkeit entwickelt sich bei Kafka in der Folgezeit weiter zu einer in die Zukunft gerichteten Besorgnis, dass hier den im Büro tätigen Menschen (wie Kafka selbst) eine neue übermächtige Konkurrenz entstünde.

„Wie geringfügig, leicht zu beherrschen, wegzuschicken, niederzuschreien, auszuschimpfen, zu befragen, anzustaunen, ist ein lebendiger Schreibmaschinist, der Diktierende ist der Herr, aber vor dem Parlographen ist er entwürdigt und ein Fabrikarbeiter, der mit seinem Gehirn eine schnurrende Maschine bedienen muss.“ (Kafka, 1913)

Diese Skepsis hindert Kafka freilich nicht, zur Unterstützung von Felice Bauer über weitere Einsatzmöglichkeiten für Parlographen nachzudenken. Er schlägt unter anderem den Einsatz in Schreibmaschinenbüros und Postämtern sowie Münzautomaten-Parlographen und eine Art Fernschreiber durch Verbindung zwischen Telefon und Parlographen vor.

Kafka hatte 1911 in Paris einen Salon der Brüder Pathe‘ besucht, in dem man sich Platten gegen „kleine Münze“ vorspielen lassen konnte und schlug entsprechende Einrichtungen ebenfalls vor. Er musste sich allerdings belehren lassen, dass es 1913 auch in Berlin bereits einen derartigen Salon gab.

Wie Parlographen funktionierten und wie sich die Technik der Tonaufzeichnung seit Kafka im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts entwickelt hat, kann an vielen Beispielen aus der ehemaligen TELDEC-Schallplattenfabrik im Deutschen Schallplattenmuseum Nortorf gesehen und erlebt werden.

(hdh)