Oktober 2022

Exponat des Monats

Das Deutsche Schallplattenmuseum, ehemals Kesselhaus der TELDEC-Schallplattenfabrik und zentraler Energielieferant für 52 Schallplattenpressen

Das Kesselhaus

Als in den 1930er Jahren anlässlich eines Kuraufenthaltes in Bad Nauheim Herr Heidenreich, kaufmännischer Mitarbeiter der TELEFUNKEN in Berlin und Herr Köster, Inhaber einer Lederfabrik in Nortorf zusammentrafen und sich anfreundeten, ahnte noch niemand, zu welch weitreichenden Konsequenzen dies für die Zukunft der deutschen Schallplattenindustrie einerseits und für die verträumte Kleinstadt Nortorf im Herzen Schleswig-Holsteins andererseits führen sollte.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollte die TELEFUNKEN wieder Schallplatten produzieren. Am runden Tisch in Berlin dachten die Führungskräfte über die Zukunft des Unternehmens nach. An einen Wiederaufbau der ehemaligen Fabrik in Hennigsdorf war nicht zu denken. Sie lag nicht nur in Schutt und Asche sondern auch in der Sowjetischen Besatzungszone. In Zeiten maximaler Entbehrung kommt man bekanntlich zwecks Verwirklichung von Visionen auf die kühnsten Ideen. Herr Heidenreich erinnerte sich also an Herrn Köster mit seiner Lederfabrik in Nortorf und bot ihm ein Joint Venture an: Schallplattenherstellung auf Lederpressen. Köster war begeistert. Der Versuch war schnell von Erfolg gekrönt: Nach rund zwei Jahren wurde in Nortorf die Millionste Schelllackplatte gepresst. Als dann 1950 TELEFUNKEN mit der britischen DECCA fusionierte war die Erfolgsgeschichte der TELDEC nicht mehr aufzuhalten. Rund 40 Jahre lang wurden in Nortorf mehr als 850 Millionen Schallplatten gepresst. Viele technische Neuentwicklungen, allen voran das Direct Metal Mastering (DMM) stammen aus dem Hause TELDEC. Später kam die Produktion von Musikkassetten und CDs hinzu.

Mit der Übernahme durch den amerikanischen Medienkonzern WEA begann 1988 das Aus für die TELDEC. Unter dem Firmennamen OK Media wurden zwar bis 2007 noch Bild-, Ton- und Datenträger in den ehemaligen Werkshallen produziert, mit Kurzarbeit und anschließender Insolvenz fand Nortorf als Produktionsstandort dann jedoch in aller Stille sein trauriges Ende. Die Fabrikhallen wurden 2014 bis auf das ehemalige Verwaltungsgebäude und das Kesselhaus abgerissen.

Dem im Juni 1989 gegründeten Museumsverein Nortorf stellte die Stadt im Jahre 1999 dankenswerterweise ein ausgedientes Einfamilienhaus im Jungfernstieg als museale Ausstellungsräumlichkeit zur Verfügung. Auf zwei Etagen und rund 100 Quadratmetern fanden seitdem unter anderem Führungen durch die Welt der Schallplatten statt.

2014 erwarb die Stadt eine der verbliebenen Hälften des Kesselhauses zwecks Einrichtung eines Schallplattenmuseums. Eine großartige Idee, denn authentischer als mit dem Charme des original TELDEC-Industriegebäudes kann man so etwas gar nicht umsetzen.

Nach langen und zähen Verhandlungen auf der politischen Bühne Nortorfs und einem Bürgerentscheid mit positivem Ausgang für das Museum wurde mit der Zusage einer Förderung durch das Land Schleswig-Holstein die Umsetzung des Planes endlich möglich. Umbaubeginn war der 1. Oktober 2021, die Eröffnung fand exakt ein Jahr später statt. Seit dem 1. Oktober 2022 werden im Deutschen Schallplattenmuseum in Nortorf nun nicht nur die Herstellungsschritte einer Schallplatte erklärt, sondern auch Technik- und Musikgeschichte von den Anfängen um 1900 bis zur Gegenwart gezeigt und auf Originalgeräten hörbar gemacht: Vom Edison Phonographen bis zur modernsten HighEnd-Anlage.

Wären sich Herr Heidenreich und Herr Köster vor 90 Jahren nicht auf ihrer Kur in Bad Nauheim begegnet, so wäre die Nortorfer Stadtgeschichte anders geschrieben worden.

 

Text und Foto: Thomas Perkuhn